Schauplatz Jobinterview

Quelle: Kurier Econo Karriere, 29.01.2018

Drei Bewerber, drei Chancen: Fachliche Expertise ist wichtig. Doch wie sehr entscheiden Auftreten und Körpersprache, ob man den Job bekommt? von Ulla Grünbacher

» Der Schauplatz: Ein Raum mit Tisch und Stühlen. Die Darsteller: Ein Personalberater, drei Kandidaten und ein stiller Beobachter in Form einer Kamera. Der Zweck: Die gemeinsame Analyse der Gespräche durch den Personalberater und den Job-KURIER. Für einen Insideblick auf die Kandidaten und ihr Auftreten. 

Kandidat 1: Der Erfahrene Der Bewerber erzählt über seine beruflichen Erfahrungen, der Personalberater hört zu. Dann fragt er nach Erfahrungen im Kündigen von Mitarbeitern und wie sich das angefühlt hat. Schließlich geht es um die Zielfirma. „Was erwarten Sie von der Firma“,fragt Michael Ludwig, Senior Consultant bei Brenner&Company. Und: „Wie gehen Sie mit Konflikten um?“ Der Bewerber ist in sich zusammengesunken und zieht die Schultern hoch. Er gestikuliert, wirkt unruhig. Die Kleidung in Brauntönen ist suboptimal. Durch die monotone Stimmführung ist er schlecht zu verstehen. Fazit: Der Kandidat ist fachlich gut und sympathisch. Doch der optische Eindruck ist schlecht. „Er ist kein Strahlemann,“ sagt Ludwig. „Für einen anderen Posten wäre das ein Problem, für den Leiters des Rechnungswesens macht das aber nichts.“ Nach 80 Minuten steht fest: Der Kandidat kommt in den Dreier-Vorschlag an den Kunden. „Wir wählen aus den vorhandenen Bewerbern die drei besten aus“, sagt Ludwig.

Kandidat 2: Der Macher Der Bewerber hat sich für den Posten als Verkaufsleiter beworben. Als er gefragt wird, warum er und sein letzter Arbeitgeber sich getrennt haben, gibt er keine Auskunft. „Ich lasse ich die Sache auf sich beruhen und komme später auf das Thema zurück“, verrät Ludwig. „Wir hinterfragen die Veränderungsgründe immer, sie lassen Rückschlüsse auf die Loyalität der Kandidaten zu. In diesem Fall ist aber keine konkrete Antwort gekommen.“ Der Kandidat sitzt aufrecht. Die Kleidung ist seriös. Zu Beginn spricht er in verkrampfter Schriftsprache, erst mit der Zeit entspannt er sich und spricht Dialekt. Ab diesem Zeitpunkt wirkt er glaubwürdiger. Fazit: Fachlich gut, er hat sich von unten hochgearbeitet. Aber: „Sich sprachlich zu verbiegen ist ein Nachteil, dadurch wirkt er nicht authentisch. Außerdem muss er sich im Job sprachlich der Klientel anpassen können.“ Ein Minuspunkt ist, dass der Betroffene nicht über seinen Veränderungsgrund spricht. Das schmälert die Authentizität. „Ich gehe davon aus, dass der Kandidat gekündigt wurde oder sich einvernehmlich getrennt hat“, sagt Ludwig. „Bei diesen Dingen wird oft gelogen.“ Nach 93 Minuten ist unklar, ob der Kandidat in die engere Wahl kommt.

Kandidatin 3: Die Entspannte Kandidatin 3 lacht viel und ist locker. Sie hat sich als Rechnungswesen-Leiterin beworben, im zweiten Bildungsweg hat sie die Karriere in Richtung Buchhaltung eingeschlagen. Die Kandidatin gestikuliert viel und wirkt engagiert. Die Kleidung ist zu leger, sprachlich ist sie eher salopp. Fazit: Eine fachlich gute Kandidatin,die offen auftritt.Für die Stelle im gehobenen, konservativen Umfeld ist sie aber zu wenig international. Ob die Chance besteht, dass sie sich an das Umfeld des Zielunternehmens anpasst? „Je jünger der Kandidat, desto eher ist das möglich“,weiß Ludwig. „Fachliche Expertise kann man erlernen, das Auftreten aber nicht.“ Das Vorstellungsgespräch endet nach 67 Minuten. Die Kandidatin kommt für die Position nicht infrage, wird aber in Evidenz gehalten. «